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Kategorie: Onlinerecht

VG München: Und noch einmal: Kein Zugang zum Masterstudium, da Täuschung durch KI-erzeugtes Essay

Ein Student wurde abgelehnt, weil sein Master-Bewerbungsschreiben mit KI erstellt wurde, was als Täuschung gilt.

Ein Student, der versucht, in einen Master-Studiengang aufgenommen zu werden, kann rechtmäßig abgelehnt werden, wenn er das erforderliche Essay mithilfe Künstlicher Intelligenz (KI) verfasst (VG München, Beschl. v. 08.05.2024 - Az.: M 3 E 24.1136).

Erst Ende letzten Jahres hatte das VG München einen (nahezu) identischen Fall zu entscheiden, vgl. unsere Kanzlei-News v. 26.02.2024.

Im vorliegenden Fall bewarb sich der Kläger um die Zulassung zu einem Masterstudium. Eine der Voraussetzungen war die Einreichung eines von ihm selbst geschriebenen Essays.

Bei der Prüfung des Essays stellten die Gutachter fest, dass es mithilfe von KI erstellt worden war. Daraufhin verweigerte die Hochschule dem Kläger die Zulassung.

Der Kläger reichte daraufhin eine Klage beim VG München ein, erhielt jedoch keine positive Entscheidung.

1. Beweislast für Täuschung liegt bei Hochschule:

Die Beweislast dafür, dass der Aufsatz nicht vom Kläger verfasst wurde, trage die Hochschule, so das Gericht 

Dieser Pflicht sei die staatliche Einrichtung jedoch in ausreichender Form nachgekommen.

"Vorliegend lässt der Umstand, dass sich einzelne Passagen des Essays hinsichtlich (fremd-)sprachlichem Niveau, Prägnanz, Inhaltsdichte und Struktur signifikant voneinander unterscheiden und gerade in den vom Detektionsprogramm markierten Passagen Merkmale enthalten sind, die für mittels künstliche Intelligenz erstellte Texte typisch sind, nach allgemeinem Erfahrungswissen darauf schließen, dass das Essay mit unerlaubter Hilfe erstellt wurde. (…)

Der Antragsgegner stützt die Annahme eines erheblichen Regelverstoßes auf die Beurteilung des Essays durch Prof. (…) und Dr. (…) und behandelt das Prüfungsergebnis der Überprüfungssoftware mit einem KI-Index von 71%, d.h. 71% des gesamten Essays als wahrscheinlich KI generiert, lediglich als Indiz, das zur Überprüfung durch Prof. (…) und Dr. (…). Anlass gegeben hat. (…)."

Und weiter:

"Nach der Stellungnahme von Prof.(…). fällt bei dem vom Antragsteller eingereichten Essay besonders auf, dass markierte Passagen keine sprachlichen Fehler oder ungeschliffene Formulierungen aufweisen, wohingegen an anderen Stellen Wortwiederholungen, Singular-Plural-Fehler, Fehler in der Groß- und Kleinschreibung sowie eher im Deutschen übliche Formulierungen, die entsprechend ins Englische übersetzt worden sind und welche diesen Teil „holprig“ wirken lassen, enthalten sind. 

Weitere Indizien für einen zumindest in Teilen mittels KI erstellten Text ergeben sich daraus, dass nur die von der KI-Erkennungssoftware markierten Texte einen logischen Aufbau, eine hohe Inhaltsdichte und ein gutes (fremd) sprachliches Niveau aufweisen, wohingegen die Einleitung nicht alle Aspekte des Hauptteils nennt, Fallbeispiele nur für einen Teil der Punkte benannt worden sind und das Fehlen eines solchen Fallbeispiels nicht erläutert worden ist. Letzteres ist nach der Stellungnahme von Prof. (…) für einen zum Teil mittels KI erstellten Text typisch.

Dies lässt den Schluss zu, dass der Antragsteller bei der Strukturierung der Arbeit ein KI-Modell eingesetzt hat, das bereits fünf der insgesamt sechs vom Antragsteller behandelten Themenaspekte in der Einleitung aufgeführt hat. (…)."

Das Gericht beschäftigt sich dann mit der Qualifikation der betreffenden Gutachter, solche Bewertungen überhaupt abgeben zu dürfen. Es beschäftigt sich auch mit der Frage, wie verbreitet der unzulässige Einsatz von KI bei Hochschulbewerbungen inzwischen ist:

"Die Mitglieder der Auswahlkommission sind als Wissenschaftler erfahren mit dem Lesen und Verfassen wissenschaftlicher Texte und damit auch vertraut mit den Schwierigkeiten der prägnanten Formulierung komplexer Sachverhalte. 

Ihrer Beobachtung, dass das Essay gerade in den markierten Passagen ein außergewöhnliches Maß an Inhaltsdichte aufweise, kommt daher großes Gewicht zu. Der Lehrstuhl von Prof. (…) der aktuell das Zulassungsverfahren betreut, hat nach eigenen Angaben seit Frühjahr/Sommer 2022 rund 1.850 Essays beurteilt. 

Dabei hätten sich Einreichungen, die durch eine hohe Inhaltsdichte, eine klare Struktur und perfektes Englisch auffielen, seit der Einführung von ChatGPT gehäuft. 

Seit der Nutzung der Erkennungssoftware zum Bewerbungsstart des Wintersemesters 2023/24 wiesen mit steigender Tendenz durchschnittlich 10-15% einen KI-Index größer 30% auf. Dieser Wert habe sich in nahezu allen Fällen bei der Prüfung durch die Auswahlkommission als wahrscheinlich korrekt erwiesen. Bei Werten darunter liefere eine fachliche Prüfung durch einen Menschen in der Regel keine ausreichende Wahrscheinlichkeit, um den Bewerber aufgrund unzulässiger KI-Nutzung abzulehnen.

Diese Zahlen über die ausgewerteten Essays belegen nach Überzeugung der Kammer, dass sich den Mitgliedern der Auswahlkommission nicht nur bei den wenigen dem erkennenden Gericht bislang bekannten Fällen die Frage nach einem KI-Einsatz gestellt hat, sondern bereits in ungefähr 150-180 weiteren Fällen. 

Auch wenn es sich somit noch nicht um ein jahrelanges Täuschungsvorgehen von Bewerbern handelt, so können die Mitglieder der Auswahlkommission nach Auffassung der Kammer bereits jetzt auf eine breite Basis von vergleichbaren Verdachtsfällen und Erfahrungswerten zurückgreifen. Prof. (…) und Dr. (…) sind als Prüfer erfahren in der Bewertung studentischer Arbeiten verschiedener Form und konnten zudem vergleichend die Essays weiterer Bewerber heranziehen. 

Darüber hinaus sind sie nicht nur vertraut mit einer Vielzahl von gerade durch Bachelorabsolventen verfassten Texten, sondern aufgrund ihrer Tätigkeit als Prüfer gerade auch dazu berufen, diese nach Struktur, Inhalt und Form zu analysieren und zu bewerten. Vor diesem Hintergrund verfügen sie über hinreichende Sachkunde, Auffälligkeiten festzustellen, die sich nicht allein durch unterschiedliches Leistungsvermögen von Bachelorabsolventen erklären lassen (…)".

2. KI-Einsatz ist Täuschung:

Der nicht angezeigte, unzulässige Einsatz von KI stelle einen Täuschungsversuch dar und führe zum Ausschluss vom Bewerbungsverfahren:

“Eine erhebliche Verletzung der Regeln guter wissenschaftlicher Praxis, die (…) den Ausschluss vom laufenden Bewerbungsverfahren zur Folge hat, liegt damit voraussichtlich vor. Ein Anspruch auf Zulassung zum Eignungsverfahren besteht somit voraussichtlich nicht.”

Hinweis von RA Dr. Bahr:
Es handelt sich bereits um den zweiten Fall, der gerichtlich geklärt wurde. Erst Ende letzten Jahres hatte das VG München einen (nahezu) identischen Fall zu entscheiden und bejahte ebenfalls eine Täuschung, vgl. unsere Kanzlei-News v. 26.02.2024.

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