LG Berlin: Irreführende Online-Werbung mit "Immobilienbewertung in zwei Minuten" und "Immobilienwert Rechner"

20.12.2021

Es ist irreführend mit den Werbeaussagen "Immobilienbewertung in zwei Minuten"  und "Immobilienwert Rechner"  online zu werben, wenn der User nicht unmittelbar die entsprechenden Preis angezeigt bekommt (LG Berlin, Urt. v. 05.10.2021 - Az.: 103 O 69/20).

Die Beklagte warb im Internet mit den Aussagen "Immobilienbewertung in zwei Minuten" .

Nachdem der User alle relevanten Daten auf der Webseite eingegeben hatte, erhielt er die Erklärung, wonach für eine Immobilienbewertung noch weitere Informationen benötigt würden und der Anfragende daher demnächst angerufen werde.

Eine weitere Werbung war der Begriff "Immobilienwert Rechner" . Nach Eingabe der erforderlichen Daten waren drei unterschiedliche Preise für wenige Sekunden einsehbar.

Das LG Berlin stufte dies als irreführend ein.

1. Werbung "Immobilienbewertung in zwei Minuten":
Der User erwarte hier, dass er direkt die Ergebnisse nach zwei Minuten angezeigt bekomme:

"Die Schnelligkeit einer Bewertungsdienstleistung ist für den Verbraucher von zentraler Bedeutung, insbesondere im Online-Verkehr.

Ein Bewertungsvorgang, der innerhalb von 2 Minuten abgeschlossen ist, kann etwa auch unterwegs in öffentlichen Verkehrsmitteln über Smartphone und auch sonst in einer kurzen Pause zwischen anderen Tätigkeiten durchgeführt werden. Eher abschreckend wäre es dagegen, wenn sich der Bewertungsvorgang länger hinzieht oder auch zwischen Eingabe der relevanten Daten und Mitteilung des Ergebnisses eine längere – zumindest nicht klar bestimmte – Zeitspanne liegt."

Da hier die Preisermittlung deutlich länger dauere und zudem telefonische Rückfragen Voraussetzung seien, sei die beworbene Zeitangabe objektiv falsch.

2. Werbung "Immobilienwert Rechner":
Die identischen Maßstäbe seien auch bei der Bewerbung des Begriffs "Immobilienwert Rechner"  anzulegen.

"Die Bezeichnung „Rechner“ versteht ein hier angesprochener durchschnittlicher Verbraucher grundsätzlich so, dass er unmittelbar nach Angabe der abgefragten Daten ein Ergebnis erhält. Auch insofern kann wiederum auf die Einschätzung der Kammer verwiesen werden, deren Mitglieder zu den angesprochenen Verkehrskreisen gehören. Insbesondere im Internet sind Rechnerprogramme verbreitet, mit denen der Verbraucher Werte oder Beträge unterschiedlichster Art für sich ermitteln kann (z.B. Kosten-, Gebühren-, BMI-, Kalorien- oder Gehaltsrechner).

Dabei ist das allgemeine Verkehrsverständnis des Begriffs „Rechner“ der, dass damit – entsprechend der Benutzung eines gegenständlichen (Taschen-)Rechners mit Tasteneingabe – das Ergebnis der Berechnung ohne weitere Verzögerung oder Zwischenschritte sofort erlangt werden kann. Der Verbraucher wird auf Grundlage dieses Verständnisses insbesondere nicht erwarten, dass neben der Angabe der Daten noch ein Telefonat mit Mitarbeitern der Beklagten geführt werden muss, bevor ihnen der angefragte Wert der Immobilie tatsächlich mitgeteilt wird."

Es sei unzureichend, wenn drei unterschiedliche Ergebnisse nur wenige Sekunden eingeblendet würden:

"Die Vorstellung der Verbraucher stimmt nicht mit den wirklichen Verhältnissen überein.

Den Verbrauchern wird nicht unmittelbar nach Eingabe der Daten der Wert ihrer Immobilie angezeigt. Vielmehr werden für wenige Sekunden drei verschiedene Werte angezeigt.

Dabei entspricht die Darstellung von so kurzer Dauer nicht den Vorstellungen eines durchschnittlichen Verbrauchers. Außerdem möchte er, dass man ihm einen konkreten, und nicht etwa drei verschiedene Werte anzeigt. Ferner wird der Verbraucher auch hier, zur Ermittlung des konkreten Immobilienwertes, auf die Hinterlegung der Kontaktdaten unter Zustimmung zur Kontaktaufnahme durch die Beklagte verwiesen.

Auch insofern ist die wettbewerbsrechtliche Relevanz gegeben. Die geschäftliche Entscheidung der Verbraucher liegt wiederum darin, über den Link in dem Facebook-Post die Webseite der Beklagten aufzusuchen, die dort abgefragten Daten zu hinterlegen und der Beklagten somit die unmittelbare, individuelle Kontaktaufnahme zu Werbezwecken zu ermöglichen (...).

Diese geschäftliche Entscheidung wird ein erheblicher Teil der Verbraucher gerade wegen der Bezeichnung „Immobilienwert Rechner“ vornehmen, sodass auch diese irreführende geschäftliche Handlung der Beklagten geeignet ist, die wirtschaftlichen Entschließungen der Verbraucher zu beeinflussen. Auch diesbezüglich indiziert die Erstbegehung die Wiederholungsgefahr."